Warum gute Projekte in Förderprogrammen scheitern
- Jonas Wegner

- vor 6 Tagen
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Eine gutachterliche Perspektive auf Förderentscheidungen
Einleitung
In nationalen und europäischen Förderprogrammen scheitert ein erheblicher Teil der eingereichten Projekte trotz hoher fachlicher Qualität. Diese Beobachtung ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Phänomen, das sich über Programme, Themenfelder und Akteursgruppen hinweg wiederholt. Die Ursache liegt dabei nur selten im Innovationsgrad oder in der wissenschaftlich-technischen Substanz eines Vorhabens, sondern vielmehr in dessen mangelnder förderlogischer Anschlussfähigkeit.
Aus gutachterlicher Sicht folgt die Förderentscheidung klaren, wenn auch häufig impliziten Bewertungslogiken. Projekte werden nicht isoliert betrachtet, sondern im Kontext programmatischer Zielsetzungen, politischer Leitlinien, erwarteter Wirkungen und struktureller Umsetzbarkeit bewertet. Werden diese Zusammenhänge nicht ausreichend berücksichtigt, entstehen Inkonsistenzen, die die Erfolgswahrscheinlichkeit signifikant reduzieren.
Förderentscheidungen sind keine Textbewertungen
Ein verbreiteter Irrtum besteht darin, Förderentscheidungen primär als Bewertung der textlichen Qualität eines Antrags zu verstehen. Tatsächlich dient der Antragstext lediglich als Medium zur Darstellung eines Vorhabens. Bewertet wird hingegen die innere Logik des Projekts in Bezug auf das jeweilige Förderprogramm.
Gutachter analysieren unter anderem, ob Projektziele, Arbeitsprogramme, Zeitpläne, Ressourcenallokation und Verwertungsansätze konsistent aufeinander abgestimmt sind und in nachvollziehbarer Weise zu den Programmzielen beitragen. Ein formal sauber formulierter Antrag kann daher ebenso scheitern wie ein sprachlich weniger ausgefeilter Text erfolgreich sein kann, sofern die zugrunde liegende Projektlogik überzeugt.
Typische Ursachen für das Scheitern förderfähiger Vorhaben
In der Begutachtungspraxis zeigen sich wiederkehrende Muster, die unabhängig von der Organisationsform des Antragstellers auftreten. Dazu zählen insbesondere:
eine unzureichende Ableitung der Projektziele aus den spezifischen Zielsetzungen des Förderprogramms,
fehlende Kohärenz zwischen Arbeitspaketen, Meilensteinen und erwarteten Ergebnissen,
eine nicht überzeugend dargestellte Handlungsfähigkeit der beteiligten Akteure,
unklare oder inkonsistente Verwertungs- und Wirkungsperspektiven,
sowie eine mangelnde strategische Einbettung von Verbund- und Kooperationsstrukturen.
Diese Defizite sind häufig nicht das Ergebnis fehlender Kompetenz, sondern Ausdruck eines Perspektivfehlers: Projekte werden aus der Sicht der Antragstellenden konzipiert, nicht aus der Sicht der bewertenden Instanzen.
Die implizite Logik der Gutachterperspektive
Gutachterinnen und Gutachter bewerten Vorhaben entlang vorgegebener Kriterien, interpretieren diese jedoch stets im Lichte ihrer Erfahrung, des Programmkontinuums und der erwarteten Wirkung auf Systemebene. Entscheidungsrelevant ist dabei nicht nur, was beantragt wird, sondern wie plausibel ein Vorhaben innerhalb des programmatischen Rahmens erscheint.
Zentrale Bewertungsfragen lauten unter anderem:
Ist das Vorhaben geeignet, einen messbaren Beitrag zu den Programmzielen zu leisten?
Sind Umfang, Struktur und Ressourcen angemessen gewählt?
Ist die Umsetzung realistisch und organisatorisch abgesichert?
Sind Risiken erkannt und adressiert?
Lässt sich aus dem Projekt ein nachhaltiger Nutzen ableiten?
Projekte, die diese Fragen implizit beantworten, wirken aus gutachterlicher Sicht schlüssig und bewertungsrobust – selbst dann, wenn einzelne Details noch offen sind.
Förderstrategie als systematischer Ansatz
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass erfolgreiche Antragstellungen weniger auf punktuelle Textoptimierung als auf eine durchdachte Förderstrategie angewiesen sind. Eine solche Strategie berücksichtigt frühzeitig die Logik des jeweiligen Förderprogramms, antizipiert Bewertungsmuster und richtet das Projekt systematisch darauf aus.
Förderstrategie bedeutet in diesem Sinne nicht Standardisierung oder Anpassung um jeden Preis, sondern die bewusste Gestaltung eines Vorhabens im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Exzellenz, programmatischer Zielsetzung und organisatorischer Umsetzbarkeit. Diese Perspektive ist für Forschungsorganisationen ebenso relevant wie für innovationsgetriebene Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen.
Fazit
Dass gute Projekte scheitern, ist selten Ausdruck mangelnder Qualität, sondern häufig Folge einer fehlenden Übersetzung zwischen Projektidee und Förderlogik. Wer Förderentscheidungen verstehen will, muss sich weniger mit Förderdatenbanken und mehr mit Bewertungslogiken, Entscheidungsstrukturen und gutachterlichen Perspektiven befassen.
Eine systematische, förderlogische Herangehensweise erhöht nicht nur die Erfolgswahrscheinlichkeit einzelner Anträge, sondern trägt auch zu einer nachhaltigeren Projektentwicklung bei. In einem zunehmend kompetitiven Förderumfeld wird diese Perspektive zunehmend zum entscheidenden Faktor.
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